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Familienprojekt

Unser derzeitiges Familienprojekt "neue Einwohner begleiten" läuft wunderbar. Wir hatten eine etwas stressige Woche mit vielen Einkäufen, Behördengängen und dauerndem Handygeklingel, weil immer einer irgendwo ohne Busverbindung war, aber das hat sich eingespielt. Unserem Mäusekind liegt die syrische Mentalität ungemein, sie fühlt sich pudelwohl in den Familien, hat eine Freundin gefunden, spricht mit Händen, Füßen, einigen englischen und arabischen Wörtern und ist dort wie zu Hause. Simon möchte auch viel helfen, aber bitte ohne ständiges Geknutsche, er ist dabei, wenn wir einkaufen, erklärt im deutschen Supermarkt viel und lässt sich im türkischen Supermarkt aufklären und fährt mit zur Moschee, immer wißbegierig für neue Dinge. Der kleinen Maus ist das eher unheimlich, sie steht sich selbst im Weg, möchte auch so aufgenommen werden wie das Mäusekind, ist aber dann eifersüchtig, will mich nicht englisch sprechen hören und ist häufig den syrischen Kindern aggressiv gegenüber, die das überhaupt nicht abkönnen (verständlicherweise). Sie hilft mir zu Hause Formulare sortieren und Schilder ausmalen, das ist ihr lieber, wie dort zu sein. Mike macht guckt in den Wohnungen nach Fernsehanschlüssen und kümmert sich um die männlichen Belange, raucht mit den Syrern die eine oder andere Wasserpfeife und unterhält sich. Ich selbst helfe beim Anträge ausfüllen/abgeben, eröffne Bankkonten, gehe einkaufen, zeige karitative Läden, erkläre das Arztprocedere, stelle Kindersitze zur Verfügung, betreue Kinder beim Deutschkurs, eigne mich als Großraumtaxifahrer und bin sonntags morgens da, wenn jemand Fieber hat und Hilfe braucht. Noch einige andere im Ort machen das gleiche wie wir. Wir hören Kriegs- und Fluchtgeschichten, die uns betroffen machen, sehen Fotos aus fernen Welten und glücklichen Tagen und diskutieren lautstark auf Englisch darüber, dass wir Freiwillige und keine Bediensteten sind. Zwei Menschen von 38 sind einfach zu dominant, alle anderen sind nur freundlich. Wir wurden zum Abendessen geladen, bekommen syrische Heilpraktikeranwendungen und lernen viel über die fremde Kultur und frischen ganz nebenbei unser Englisch auf.

Wir haben keine unterdrückten Frauen gesehen, keine fanatischen Muslime, wir erleben Menschen, die Pläne haben, einen Neuanfang machen möchten und unsere Hilfe als Sprungbrett sehen. Die wenigsten möchten zurück, sie träumen von der eigenen Wohnung, von Arbeit, von der Wiederaufnahme des Studiums. Die Schulanmeldungen für die Kinder werden gefeiert, es wird Deutsch gebüffelt und geübt. 

Während uns hier in der näheren Umgebung ein kalter Wind entgegen schlägt, uns Meinungen von bis daher als nett wahrgenommenen Dorfbewohnern erschrecken, versuchen wir und noch ein paar andere Wärme zu verbreiten. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Heizlüfter, Decken und Winterjacken stehen hoch im Kurs, die meisten frieren hier furchtbar, während wir in den überwärmten Zimmern Luftnot bekommen :-)

Was noch auffallend ist, dass sich alle drei Kinder an ihre Geschichte erinnern. Simon erwähnt häufig, wie schön es ist, dass es jetzt "dunkle Menschen" hier gibt. Wir ahnten nicht, wie wichtig ihm das ist. Mäusekind arbeitet viel auf, möchte viel über Flucht wissen und wie gut es ist, aufgenommen zu werden. Sie möchte etwas zurückgeben und kann ihre Geschichte gut an die anderen anknüpfen und gut verarbeiten. Bei der kleinen Maus löst vermutlich genau das die Angst aus, sie verarbeitet auf ihre Weise. Aber wie das Mäusekind vor kurzem sagte, sind wir alle Flüchtlinge, die irgendwann im Leben Hilfe brauchen und ankommen möchten. Und das ist sehr viel Lebensweisheit für eine Fünfjährige.

16.2.16 14:18
 


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