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Ein wichtiger Termin

Es gibt Situationen, die verlangen einem unglaublich viel Respekt und das Gefühl ab, klein zu sein. Wenn einen die Polizei aufhält, wenn der Schaffner eine Fahrkarte möchte und man sie nicht gleich findet, wenn man eine Gerichtsvorladung erhält. Irgendwann ist der Tag da und man muss dorthin. Beim Termin im letzten Jahr hatten wir Unterstützung, diesmal müssen wir alleine durch. Gleicher Sitzungssaal, bis auf zwei Personen gleiche Beteiligte, neue Richterin. Eine schlaflose Nacht, schon der Gang zum Auto, eine halbe Stunde vorm Termin fält schwer. Der Kopf ist voll mit Ahnungen, Worten, die man sagen möchte, falls man gefragt wird, Gefühlen, die einen überwätligen und gleichzeitig der Hoffnung, dass doch alles gut wird. Vielleicht gewöhnt man sich an solche Termine, ich mich nicht. Thema der Verhandlung: die Zukunft eines kleinen Menschen. So dachten wir. Das eigentliche Thema der Verhandlung war: Selbstdarstellung einer anscheinend bemitleidenswerten Person und die Auswirkung derselben auf einen kleinen Menschen.

Durch die Sicherheitskontrolle, alles wird durchsucht, die Flasche Wasser abgenommen (kurze Panik, was mache ich, wenn ich einen Hustenreiz bekomme?), Warten im Flur. Dann Einlass, die Hauptpersonen auf den besten Plätzen, wir in zweiter Reihe. Ankunft der Richterin, nochmaliges Platzwechseln, bis alle so sitzen, dass es ihrer Reihenfolge entspricht. Trotz des gerade eben erst geschlossenen Fensters ist die Luft stickig, die Stimmung angespannt. Die kleine Hauptperson ist kein Thema, keiner möchte wissen, wo sie ist, wie es ihr geht, es wird über sie gesprochen wie über eine Aktenlage. Die Haupterson, die sich im Mittelpunkt wähnt, setzt sich zurecht, das Tempo griffbereit, die Haltung verschlossen bis nervös. Die dritte Hauptperson wirkt teilnahmslos, uninteressiert und müde, wie auf Gras, nur ohne den entspannten Gesichtsausdruck. Und diese beiden wollen nun die kleine Maus haben. Beide machen den Eindruck als wüßten sie nicht genau, warum sie eigentlich da sind. Die eine, die eh davon ausgeht, alles ist ein Irrtum, der sich bald aufklären wird und das Gericht endlich erkennen wird, was für eine verantwortungsvolle Person sie ist und der andere, der eigentlich viel lieber woanders sein möchte und das auch ausstrahlt.

Immerhin sind dieses Jahr alle korrekt gekleidet, die Sitzung wird eröffnet, die Verhandlung beginnt, wie man es aus Funk und Fernsehen kennt und nicht als Kommödie. Zuerst wird die Hauptbeteiligte befragt, über ihr Leben, ihren Alltag, wie sie die normalen Herausforderungen meistert, die wir alle täglich mehrmals "leisten". Mehrmals bekommt man als durchorganisierter, strukturierter Mensch eine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, als sozial benachteiligte Person seinen Alltag zu leben, wie ungerecht es ist, nicht alles, was man beantragt, auch bezahlt zu bekommen, wie schwer es ist ohne Auto zurecht zu kommen, wenn man im Nirvana wohnt, wie man sich rühmt, Termine bei potientiellen Arbeitgebern bekommen zu haben. Es ist das bekannte Theaterstück, die Folge einer Serie, die man zu oft gesehen hat, der Text gut gelernt, die Tränen wohldosiert, es fehlt nur die sonore Stimme, die normalerweise im Background leicht ironisch die Untertitel spricht und heitere Musik bzw. Gelächter einspielt. Wir hören vom Leid, wie es ist, geboren zu haben und aufgrund nicht verschuldeter Umstände seine Kinder nicht aufwachsen zu sehen. Wären wir unbeteiligte Zuschauer, könnten wir mitfühlen, Mitleid haben und über unser Rechtssystem nachdenken, dass dies zulässt.

Wir sind nicht unbeteiligt, das ist unser Problem. Wir kennen die Kehrseite der Münze, den Preis, den wir für diese ach so unverschuldeten Umstände zahlen. Wir wiegen uns in Sicherheit, diesmal ist die Sachlage so eindeutig, so klar. Letzes Jahr war alles anders, die Stellung der Amtspersonen unklar, das Verhalten der Hauptpersonen nicht berechenbar, der Richter unmöglich. Dieses Jahr ist alles anders, man steht hinter uns, man bildet eine Mauer des Kindeswohl, sämtliche Beteiligte haben den Durchblick.

Nach den Ausführungen der Hauptperson werden weitere Beteiltigte gehört, die Richterin immer im Nachfragemodus, wenn sich Unstimmigkeiten oder unlogische Schlußfolgerungen ergeben, wird nachgebohrt. Bei Unsicherheiten oder Fehlbeantworten der Fragen gibt es ein Eingreifen des mütterlichen Anwalts, ein gezielter Tränenstrom wird gekonnt plaziert um eine Pause zu erreichen, damit neue Unterweisungen folgen können, bevor man sich im Ton oder Verhalten vergreift. Das Wort des Tages ist Wohlverhalten. Das Wichtigste des Tages der Konjunktiv. Könnte, würde, wäre, im Falle von, nach Ablauf von, Fragen prasseln auf die Sachverständige. Die Sachverständige, die im Jahr zuvor eine gute Entscheidung an eine Fehlentscheidung knüpfte und die nun so klar auf über fünfzig Seiten ihre Meinung mitteilte. Die Sachverständige, die jetzt, nach dem kommödialen Theaterstück der Meinung ist, das Blatt wende sich. Die einen potentiellen Arbeitstermin als günstige Prognose, einen einmaligen Therapeutentermin als guten Anfang, eine stabile Beziehung, die im social web sehr fragil wirkt, als Basis sieht. Die bei all dem könnte würde wäre der Richterin Gedanken spinnt, ein soziales Netz des Verständnisses, der Hilfsangebote, der Hoffnung weckt. Die Bedingungen darstellt, die ein Leben mit Kind möglich machen. 

Wären wir unbeteiligte Zuschauer, würden wir mitfiebern, wie die Hauptperson reagiert, dankbar den Hilfsplan in all seinen Punkten annimmt und die Geschichte sich dem Happy End nähert. Da wir beteiligt sind, sehen wir das geschockte Gesicht unseres Sachbearbeiters, das hilflose Kopfschütteln des Erzeugers, den leicht amüsierten Gesichtsausdrucks dessen Anwalts. Wir sehen eine Richterin, die nicht mehr auf dem anvisierten Weg bleiben kann, wir sehen eine Hauptbeteilgte, die die Hilfe nicht versteht und erstmal dagegen ist.

In unserem Kopf läuft die Zukunft ab, Worte wie Umgangserweiterung, Rückführung, günstige Sozialprognose, Bedingungen und Neugutachten schwirren herum. Die Luft ist stickig, nachdenken fällt schwer, Stillsitzen auch, wir wollen hier raus, wir wollen weg. Endlich die befreienden Worte, dass die Sitzung geschlossen sei, nach über zwei Stunden Verhandlung gibt es ein erneutes Gutachten. Das dritte Gutachten über die gleiche Person. Mit einem dritten Ergebnis. Mit lebensverändernden Folgen für einen kleinen Menschen, der gerade eben, nach 12 Monaten, einen Platz gefunden zu haben glaubt, der anfängt, vorsichtige Bindungen zu knüpfen. Ein kleiner Mensch, von dem über zwei Stunden nicht die Rede war, obwohl es nur um ihn ging.

Der Kopf ist leer, es scheint unmöglich zu sein, zum Alltag zurückzukehren. Man glaubt, die Welt müsste die Luft anhalten, inne halten, um das zu verdauen. Doch die Welt steht nicht still, jeder, ob unbeteiligt oder nicht, kehrt zum Alltag zurück. Und versucht das Beste daraus zu machen.

 

Fortsetzung folgt...

10.2.14 22:06
 


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